FANNY SCHOENING
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  JOHN CAGE
"eine kleine tagmusik"

Mesostichon auf den Namen FANNY SCHOENING 1992




 

          Das Papier - eines der empfindlichsten und feinsten Materialien für die künstlerische Gestaltung - bildet das Grundelement sämtlicher Arbeiten der international bekannten Künstlerin Fanny Schoening. Sie findet es in beschriebenem oder bedrucktem Papier von Zeitungen und Zeitschriften, in Reproduktionen von Manuskripten und Partituren, in Briefen und Notizen oder in der leeren Fülle des noch nicht beschriebenen oder bemalten Papiers. Die Reduktion ihres Schaffens auf diesen einen Werkstoff erhält in der Vielfältigkeit der unterschiedlichsten bildnerischen Formen und Formate sowie im innovativen Einsetzen ihrer vielfältigen Verarbeitungsmethoden einen intensiven Ausdruck in einer ganz eigenen Bildsprache.
          Durch ungewöhnliche Reiß- und Klebetechniken sowie von ihr entwickelten Lavage- und Brossage- Verfahren entstehen auf der Leinwand aus zahllosen kleinsten, sich zuweilen auflösenden Streifen, filigrane, auch farbige Collagen als vielschichtige PapierLandschaften. Neben diesen flächigen Arbeiten stehen die von der Künstlerin aus Papier geformten, raumgestaltenden, plastischen Werke: PapierSkulpturen, Wandfigurinen, WandSkulpturen, audiovisuelle Objekte, SchriftPfähle und archaisch anmutende Stelen. Auch auf diese hat sie fein geschnittene Papierstreifen mit dadurch zufallsbestimmten Wörtern, Buchstaben und Schriftzeichen als autonome, bildnerische Zeichen in mannigfaltigen, mäanderähnlichen Konstellationen figuriert. Dem nähertretenden Betrachter offenbart sich auf den Tableaus ihrer Papierlandschaften und auf den in sich ruhenden, enigmatischen, skulpturalen Objekten ein labyrinthischer Mikrokosmos aus Papierteilchen und ineinander übergehender Gebilde. Bei ihren vielfarbigen, kubistisch anmutenden Tableaus transformiert sie die Fläche des Bildes in eine mehrdimensionale, reliefartige Papierlandschaft und vereint dabei Malerei, Collage und Skulptur in einem Werk. "Meine Arbeiten sind Meditationen in Papier".
          Aus ihren Begegnungen und Freundschaften mit Künstlerinnen und Künstlern ist seit 1983 eine Serie von bisher über 15 intermedialen Portraits in den unterschiedlichsten Figurationen hervorgegangen, die sie aus den ihr von diesen Künstlern geschenkten Manuskriptseiten, Partituren, Publikationen und Arbeitsnotizen entwickelt hat. Portraits von: Alison Knowles (1983), Helmut Heißenbüttel (1984), John Cage (1985/86), Friederike Mayröcker (1986), Henri Chopin (1986), Malcolm Goldstein (1986), Frans van Rossum (1987), Merce Cunningham (1988), George Brecht (1988), Mauricio Kagel (1989), Pauline Oliveros (1990), Pierre Henry (1992-94), Hans Otte (1995-2001), Charlie Morrow (1996), R.Murray Schafer (1999), Barry Bermange (2002-04), Paul Wühr (2004). Diese Portraits stellen jedoch keine Abbildungen der Portraitierten dar. Aus den Papier-Materialien entstanden bildnerische Transformationen als doppelseitiges Tableau, als Lesesäule, als Relief, als Miniaturen, als geneigte Skulptur, als Installation oder schwebende Kugel. Mehrere dieser in großen, internationalen Museen ausgestellten, zumeist von Geräusch-Klang-Kompositionen begleiteten Portraits bilden einen der künstlerischen Schwerpunkte des variantenreichen Schaffens von Fanny Schoening.
          Zu einem ebenso interaktiven wie kreativen Arbeitsprozess führte die Begegnung der bildenden Künstlerin mit der Medienkünstlerin Nadja Schöning, der sich in zahlreichen von den beiden als FotoPaintings bezeichneten, gemeinsamen Realisationen vergegenwärtigt. Dabei verbinden sich die scheinbaren Antipoden Fotografie und Malerei in einem intermedialen Zusammenspiel zu neuen ästhetischen Gebilden. Die Künstlerin variiert hierbei ein Verfahren, das sie in den 70er Jahren bei malerisch von ihr bearbeiteten Reproduktionen von Bildern und aktuellen Fotografien aus Zeitschriften eingesetzt hat.
          In vielen Werken von Fanny Schoening deutet sich eine verhaltene Affinität zu fernöstlicher Ästhetik und Gedankenwelt an. Einige ihrer Arbeiten weisen bereits in den Titeln auf diesen Bezug hin. So etwa: die aus 64 kleinformatigen PapierLandschaften bestehende Serie "l-Ging", deren Anzahl von den 64 Hexagrammen des altchinesischen "Buch der Wandlungen" bestimmt wurde. "Meditation Mandala Music" nannte sie, in Form einer audio-kinetischen PapierSkulptur, das Portrait der Komponistin Pauline Oliveros und "Hsin Hsin Ming Seng Ts'an" ist der Titel ihres Portraits des Fluxuskünstlers George Brecht. In diesen Kontexten entstand auch die an japanische Steingärten erinnernde Boden-Installation
"PaperStones. Conversing with Cage". Zudem hat die Künstlerin zahlreichen ihrer Arbeiten aus Papier Titel in japanischer Sprache gegeben. Ist es doch das Papier selbst, das - in seiner feinen materiellen Stofflichkeit und in seiner sinnlich wahrgenommenen Transparenz - von dieser Kultur in vielfältigen Formen und subtilen Anwendungen in ganz besonderer Weise zur Erscheinung gebracht wurde.


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What I thought was so beautiful about her work was that she has given herself, devoted herself to every part - to even the smallest part of the surface upon which she works. She has paid attention and given herself. That generosity needed what we are having today - people to receive it. In other words she has found a way of paying attention by not doing less but actually using less material to bring about the same kind of generosity. It's an idea that we know a great deal in this century: doing more with less. All of this seems to me as I see it today to take place in a weather that is windy. When we seem to see an object in the collages, it is hard to say whether the wind is in the object or in its environment. And another thing strikes me. These pictures, like others, not all others, but some others, can be seen from different distances. I have the impression that, as we get closer to these collages, that the wind dies down. Her most recent generosity is characterized by her own receptiveness. In other words her generosity is complemented by society's generosity to her.

JOHN CAGE


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13 Sätze für Fanny

1   der ästhetische Prozeß beginnt mit dem Blick umher
2   der Blick umher bleibt hängen
3   der Blick umher bleibt hängen und sammelt ein
4   was der Blick umher eingesammelt hat wird in den ästhetischen Prozeß hineingezogen
5   im ästhetischen Prozeß wählen Auge und Hand aus dem Eingesammelten aus
6   der ästhetische Prozeß beginnt in der Auswahl aus dem Eingesammelten durch Auge und Hand
7   der ästhetische Prozeß entwickelt in der Auswahl aus dem Eingesammelten durch Auge und Hand eine Grundlage aus Form und Farbe
8   auf der Grundlage aus Form und Farbe baut der ästhetische Prozeß auf
9   der Aufbau des ästhetischen Prozesses stellt sich dar als ein langandauerndes zögerndes vorschnellendes abwartendes und kurzschließendes Versuchen Probieren und Tun
10  im Aufbau des ästhetischen Prozesses steigen aus dem noch nicht festgelegten Versuchen Probieren und Tun Inseln des Festgelegten Fixpunkte Fixkombinationen allmählich auf
11  mit dem Auftauchen des im ästhetischen Prozeß Fixierten beginnt der Abschluß des ästhetischen Prozesses
12  der Abschluß des ästhetischen Prozesses geht aus von der Kontrolle des im Versuchen Probieren und Tun Fixierten schlägt Brücken und enthüllt den Zusammenhang von Form und Farbe bis sich dieser Zusammenhang als Bild offenbart
13  das sich offenbarende Bild schließt den ästhetischen Prozeß ab denn im Bild ist der ästhetische Prozeß als Bild als das was wir Bild nennen zu sich selbst gekommen.

HELMUT HEIßENBÜTTEL


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Les surfaces en reliefs de Fanny Schoening me donnent des danses où les papilles optiques se voient sollicitées en toutes directions. Avec Fanny Schoening nous sommes dans une très grande promenade, sur un monde horizontal ou encore vertical selon la position des surfaces superposées; par elle le tableau, ou plutôt la surface est une 'invite aux voyages', et ce voyage a pour clef une porte inconnue du livre seulement - si j'ose dire - lu, puisque faute ses débuts: Heißenbüttel, John Cage, se transmuent en prétextes à esprits, et que ces prétextes humains à leur tour se voient projetés dans une sorte de 'cherchance' (pardonnez ce mot inventé) où les explorations ne cesseront jamais.

HENRI CHOPIN


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HIKARU MONO KANARAZUSHIMO KIN NARAZU, oh du meine Angetobte,
                                         für Fanny Schoening

"loveless love", und die schwarzen ärmellosen Kleider der alten Frauen
von Rom, betörend und Akelei oder schwarze Rose, die schweren schwarzen
Krähen niedertauchend, ins Flammen Meer, die fransenden schwarzen Schat-
ten des Himmels, die schwarzen Erzengel mit den 1o Köpfen und looo
Händen, so Swedenborg -
allein durch die Purpurblumen spazieren, durch die Feuerlilien streifen,
im Hades, eine Rückgeisterung, feuerrote Papierwälder wie damals als
Kind und aus dem purpurnen Glanzpapier Figuren schnitt usw. , nämlich
mit einem Eispickel (Gravur und Genien) senkrecht und unregelmäszig von
oben nach unten das nasse Papier zersägte -
während die Stimmen im Äther -

FRIEDERIKE MAYRÖCKER


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for Fanny Schoening -
thoughts concerning my portrait by you


Scores (partituren) of soundpieces/music shredded
and sentences (words from articles
concerning Improvisation) broken apart,
to create a visual portrait
(white of paper, grey of shadow,
black of original music and words)
which becomes once again,
a new field of sounding
entered into and freely traversed:
a soundscape for music making.
And so, the circles of possibilities expand
as a dialogue of artist's work.
interacting.

MALCOLM GOLDSTEIN


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Oceaner af tid
Unendlich viel Zeit

Zeit ist ein wichtiger Faktor in den Arbeiten von Fanny Schoening. Zeit scheint unendlich aufgehoben in ihren Werken. Zeit, die in dem der Werkstoff Papier gelebt hat, mit dem Zeit verbracht und zusammen erlebt wurde. Und sie ist mit dieser Zeit allein, wenn sie den Werkstoff transformiert in ihre Arbeiten. Schließlich ist da die Zeit, in der diese Werke dann mit ganz anderen Augen wahrgenommen werden, Augen, die sie betrachten, in ihnen lesen und hineinhorchen.

MARIANNE BECH


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Am Beispiel der Schrift-Skulpturen von Fanny Schoening zeigt sich, dass die Schrift nicht mehr auf die Fläche beschränkt ist, das sie sich aus dem Medium Buch hinaus auf die Leinwand, von hier aus über das Relief und die Skulptur in den Raum bewegt. Der Raumbezug der Skulptur ist erweitert in die unterschiedlichen medialen Räume, die Ton- und Bildtechniken heute eröffnen. So wird der plastische Prozess des Formens und Umformens im intermedialen Spielraum fortgesetzt.

PETRA MARIA MEYER


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